Liebesleben vs. Halbnackte Bauarbeiter

Ich liebe ja Buchanfänge. Meist reichen auch schon ein paar Zeilen, um ein spontanes Bauchgefühl zu entwickeln, ob man mit dem Stil des Autors zurecht kommt und das Buch weiterlesen möchte. (Ich selbst könnte vermutlich nie ein Buch schreiben, weil ich mich kaum für einen Anfang entscheiden könnte, wo doch so viel davon abhängt. Aber das ist ein anderes Thema *g*) Okay, meist hab ich mich auch trotz schlechter Vorzeichen selbst überredet, weiterzulesen, allerdings oft mit dem Effekt, dass diese Bücher jetzt mitsamt ihrem mittig eingelegten Lesezeichen in meinem Regal verstauben. Warum sich quälen. Einen schlechten Film würde man ja auch abschalten.

Bei dem letzten Buch auf meinem Nachttisch hatte ich am Anfang das Gefühl, es könnte anstrengend werden mit diesem verschwurbelten Satzbau ohne Kennzeichnung der wörtlichen Rede. Und was soll ich sagen - das Buch war insgesamt eher enttäuschend.

"Liebesleben" von Zeruya Shalev beginnt so:

Er war nicht mein Vater und nicht meine Mutter, weshalb öffnete er mir dann ihre Haustür, erfüllte mit seinem Körper den schmalen Eingang, die Hand auf der Türklinke, ich begann zurückzuweichen, schaute nach, ob ich mich vielleicht im Stockwerk geirrt hatte, aber das Namensschild beharrte hartnäckig darauf, daß dies ihre Wohnung war, wenigstens war es ihre Wohnung gewesen, und mit leiser Stimme fragte ich, was ist mit meinen Eltern passiert, und er öffnete weit seinen großen Mund, nichts ist ihnen passiert, Ja'ara, mein Name rutschte aus seinem Mund wie ein Fisch aus dem Netz, und ich stürzte in die Wohnung, mein Arm streifte seinen kühlen glatten Arm, ich ging an dem leeren Wohnzimmer vorbei, öffnete die verschlossene Tür ihres Schlafzimmers.

Hallo? Ein Satz? So geht das durchs ganze Buch. Die Story an sich fand ich schon reizvoll: Junge Frau begegnet einem Freund ihres Vaters, verstrickt sich in eine klassische Amour fou und setzt dabei Ehe, Karriere, ihr ganzes herkömmliches Leben aufs Spiel.
Erzählt wird sie jedoch durchgängig aus Sicht der Hauptdarstellerin und verliert sich oft in deren Gedankenwelt, so dass sich in mir nur der Eindruck formte, dass sie ganz ordentlich einen an der Waffel hat jedenfalls keine Person ist, mit der ich mich im entferntesten identifizieren kann. Und da wurde es für mich unspannend. Ich habs trotzdem zuende gelesen, weil ich mir ja zum Vergleich den Film ansehen möchte, und der Trailer ist sehr vielversprechend. Kann auch nur besser werden.

Zur Abwechlsung nun mal etwas (okay, viel) leichtere Kost:

"Halbnackte Bauarbeiter" von Martina Brandl. Das beginnt so:

Sex und Moabit

Er war mir schon aufgefallen, als ich aus der Haustür auf die menschenleere Straße trat. Lasziv lehnte er an einem parkenden Auto in der kalten Mainacht, und ich fragte mich: Was macht so ein attraktiver junger Mann mitten im Frühling ausgerechnet vor meiner Haustür? Sollte er nicht bei seiner 18-jährigen süßen kleinen Freundin sein oder cool in irgendeiner Lounge herumhängen, um sich eine zu suchen? Während ich das dachte, hatte ich plötzlich das Gefühl, er hätte in eben diesem Moment meine Gedanken gelesen, denn er blickte mich unverwandt an und verzog den linken Mundwinkel zu einem ganz kleinen spöttischen Lächeln. Ich fühlte mich ertappt, schämte mich ein wenig und versuchte mich dafür zu bestrafen, indem ich im Kopf ausrechnete, wie minderjährig ich damals hätte schwanger werden müssen, um heute seine Mutter zu sein.

Erster Eindruck? Hoffentlich nicht ZU flach. Auch nicht unbedingt der Typ Mann, den ich zu meinem Beuteschema rechnen würde. Aber ich werde berichten :-)

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