Arbeiten, um zu leben? Oder leben, um zu arbeiten?

Manchmal fügen sich die Dinge dann doch.

Vor mittlerweile 4 Monate habe ich (nach langem Überlegen und Zusammenreißen) einen eigentlich sicheren Job aufgegeben, "nur" weil mein Bauchgefühl nicht stimmte. Die Kollegen waren super nett, ich war gut eingearbeitet und effektiv, und die Arbeitszeiten waren auch okay. Als Freie Mitarbeiterin wurde ich ja nach Stunden bezahlt, länger arbeiten hieß also auch: mehr Geld in der Tasche; ebenso konnte ich auch entscheiden, zu Hause zu bleiben, wenn es mir nicht gut ging (wenn das Projekt es zuließ), ich war ja niemandem Rechenschaft schuldig. Nach Abzug aller Steuern und Versicherungen blieb zwar nicht mehr übrig als das was zum Überleben gerade so nötig war, mehr war nicht drin, und das war sicher auch ein Grund, mich nach etwas neuem umzusehen, aber das Hauptproblem war ein anderes. Mir fehlte einfach das Gefühl, meine Sache richtig und gut machen zu können. Es wurde nie gelobt, man konnte sich noch so ins Zeug legen, das wurde als selbstverständlich angesehen und man hatte trotzdem das Gefühl, man sei nie schnell genug. Wenn einem dagegen mal ein Fehler unterlaufen ist oder man Prioritäten falsch eingeschätzt hat (auch wenn man es gar nicht besser hätte wissen können), wurde einem das schön vorgeworfen. Sowieso war es eher der Normalfall, dass ständig Dinge schiefgelaufen sind, und man selbst hing immer zwischen den Stühlen, musste die Wogen glätten und sich den Ärger anhören. Irgendwann hatte ich echt genug und konnte nicht mehr.

In den Wochen danach habe ich es mir richtig gut gehen lassen, habe mir eine Woche Urlaub auf Kreta gegönnt und ein paar der Dinge "abgearbeitet", für die ich mir davor nie die Zeit genommen habe. Habe in Ruhe meine Bewerbungsmappe neu gestaltet, ein Fotobuch zusammengestellt, die Wohnung aufgeräumt, Pflanzen umgetopft, solche Dinge. Am Anfang reagierte mein Umfeld auch mit großem Verständnis, wer hätte nicht gern mal eine kleine Auszeit. Irgendwann häuften sich aber die Fragen, ob ich denn schon "etwas neues in Aussicht" hätte bzw. wie es nun weitergehen soll, und ich ertappte mich dabei, dass ich zunächst mit Schulterzucken (oder wirren Ausreden), später auch mit "Kopf in den Sand stecken" antwortete und anfing, soziale Kontakte zu meiden, um dieser Frage aus dem Weg zu gehen. Alles in mir streikte bei der Vorstellung, mich durch eine Bewerbung in einem anderen Büro nur vom Regen in die Traufe zu begeben. Für das "ganz frei" arbeiten bin ich offenkundig nicht diszipliniert genug (und viel zu selbstkritisch, um wirklich Spaß daran zu haben). Mittlerweile bin ich fast an dem Punkt, wo ich meine Eignung für einen Beruf dieser Art grundsätzlich infrage stelle. Ich hätte so gerne eine Aufgabe, die ich mindestens den Erwartungen entsprechend oder sogar besser machen kann. Bei der mein Hang zur Akribie wenigstens gutgeheißen, wenn nicht sogar ausdrücklich geschätzt wird, anstatt ihn aus Zeitgründen ständig unterdrücken zu müssen. Und bei der am Ende soviel hängenbleibt, dass man davon gut(!) leben kann.
Zwischenzeitlich ging es mir mangels einer wirklichen Idee, wo es mit mir hingehen soll (und in Anbetracht des rasant leerer werdenden Kontos) wirklich dreckig. Völlig gelähmt und mit Tunnelblick ging Tag um Tag, Woche um Woche an mir vorbei, ohne dass ich mich imstande fühlte, meine Lage aktiv zu verändern. Ich war schon kurz davor, jemanden zu fragen, der sich "mit sowas auskennt".

Dann sah ich eine Anzeige, bei der Leute für "Ordnersichtung" gesucht wurden, rief dort an, um zu fragen, was das heißt, und hatte endlich wieder dieses Kribbeln im Bauch, das schreit "ja, ja, ja!", auch wenn ich das objektiv nicht begründen konnte. Schließlich ist es schon eine vergleichsweise "niedere" Arbeit, Archiv-Ordner nach relevanten Unterlagen zu durchsuchen, um die betreffenden Immobilien für den Verkauf vorzubereiten. Ziemlich eintönig und alles andere als kreativ, wenn man auch als Innenarchitektin schöne Möbel entwerfen könnte. Aber hey, wenn sich mit Ordnersichtung fast das Doppelte von dem verdienen lässt, was man als Innenarchitektin heutzutage (in Berlin) verdienen kann, und dabei noch das Bauchgefühl stimmt, warum zur Hölle soll ich das nicht mal für ne absehbare Zeit von 4 Monaten ausprobieren. Einen stumpfen Job machen, der mich psychisch nicht so runterzieht, und dabei richtig Kohle verdienen.

Ob es sich am Ende als das Nonplusultra herausstellt oder ich vielleicht doch wieder motiviert bin, in meinen alten Beruf zurückzukehren, wird sich zeigen.

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